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Wieder mal vorbei, Olympia.
War toll gewesen, überall in Deutschland haben Menschen vor dem Fernseher gesessen, auch Mountainbiker, nämlich unter anderem wir. Haben da gesessen, über den Anspruch des Kurses gefachsimpelt, lecker gefrühstückt dabei, und ich habe meinem Ruf der Seltsamkeit mal wieder Genüge getan, als ich mich aufgeregt habe, dass mal wieder einer von den Fumic-Brüdern ausgestiegen ist. Lieber tot als Zweiter, das scheint die Ansicht heute zu sein, sogar im olympischen Wettkampf; aber warum kämpfen die Jungs dann nicht? Andererseits fand ich in der letzten Ausgabe (der vorletzten?) der Bikesport-News ein nettes Editorial zu dem Thema:„Schlimmer noch aber die Begründung, mit der man beim Bund Deutscher Radfahrer versuchte, statt Sandra Klose die junge Nina Göhl nominieren zu lassen. Göhl habe bessere „Endkampf-Chancen“, hieß es da. Wie bitte? Endkampf? Geht es im olympischen Rennen denn um einen „Endsieg“? Was hat ein solches, gerade in Deutschland historisch schwer vorbelastetes Vokabular eigentlich noch mit dem olympischen Gedanken gemein? (...) Maßloser Ehrgeiz steckt hinter solchen Formulierungen. Und wo solcher Ehrgeiz ist, besteht ein Geiz-sprich: Mangel – an Ehre. (...)“1 Tjaa, und wo ein solcher Ehr-Geiz herrscht, herrscht auch ein enormer Druck. Ich überlasse es dem geneigten Leser, die Applikation dieses Prozesses auf den gesellschaftlichen Kontext selbst zu übernehmen, und möchte mich im weiteren darauf beschränken, darauf hinzuweisen, dass es zumeist ein solcher „Mangel an Ehre“, sprich Mangel an Selbst-Bewußtsein und demnach eigener Identität ist, der Tür und Tor gegenüber ideologischer Verquastheit sperrangelweit aufstößt. Wer solche Formulierungen benutzt, wenn sie natürlich auch etwas aus dem Zusammenhang gegriffen scheinen, steht einer gewissen Ideologie scheinbar näher, als gut ist. Zudem macht unter anderem der BDR nicht erst seit letzter Zeit durch streng hierarchische Strukturen und diktierte Entscheidungen von sich reden, was ihn auch im internationalen Kontext bereits in Diskredit gebracht hat. Der Beispiele wären Legion, und eine umfassende und fundierte Kritik an Betonstrukturen, wie sie ja leider in D-Land so häufig sind (Tjaa, sie müssen wissen, wir sind eine Behörde, so einfach ist das nicht...), zu leisten, will dieses Essay nicht. Aber was dann?Selbe Bikesport-News, diesmal in schlecht:„Lediglich mit den in der Steppe lebenden Maassai werden wir nicht so recht warm. Immer wieder begegnen uns die Krieger dieses stolzen Nomadenvolks, die in von Dornbüschen geschützten Runddörfern leben, oder mit ihren großen Rinderherden durch die Steppe ziehen. Einige der Maassai-Teenager tragen schwarze Umhänge und sind wild bemalt-ein Zeichen dafür, dass sie soeben erst beschnitten wurden und sich jetzt als Mann bewähren müssen. Auch gegen´ Simbas´-Löwen. Alle haben sie einen Speer dabei. Sobald wir die Kamera zücken, zücken sie den Speer. Meistens lächeln wir dann und verzichten dankend auf ein Bild. Und biken weiter in dem Gefühl, dass uns gleich einer dieser überdimensionierten Zahnstocher von hinten aufspießen könnte. (...) So nach und nach machen wir aber auch mit den Maassai unseren Frieden. Lernen, wie schwierig es für dieses stolze Volk ist, seine Traditionen zu bewahren und dennoch den Anschluss an das moderne Tansania nicht völlig zu verlieren. Auch ein Maassai-Krieger ist manchmal ein müder Krieger, und dann hilft es unheimlich, auf ein Fahrrad „Made in China“ steigen zu können, anstatt den langen Weg ins Dorf zu Fuß bewältigen zu müssen. Immer wieder begegnen uns Maassai mit ihren „Bikes“ und machen eine solide „Thumbs-up“-Geste, soll heißen: Gleiches Hobby oder was? Und dann sehen wir wieder „traditionelle“ Maassai, die in voller Krieger-Montur am Wegesrand stehen, um von uns Touristen einen Dollar für ein Foto zu schnorren.“2Aha. Seht Ihr, es ist alles nicht so schlimm. Die tun ja nichts, die wollen nur spielen mit ihren „überdimensionierten Zahnstochern“. Eigentlich wollen die ja alle das tun, was die reichen Papas aus dem schönen reichen Westwirtschaftswunderland auch tun. Und das mit dem Stolz kriegen wir auch noch hin, das gibt sich mit der Zeit und wächst sich raus... hier, hasse ´nen Dollar, aber gib nicht gleich alles für Süßigkeiten aus, sonst muß der liebe deutsche Papa den großen Onkel Sam holen, und der kommt dann und versohlt Dir den Arsch. Jetzt noch mal in sachlich, denn ich musste mich erst mal abreagieren: Die Maassai, das ist richtig, sind ein stolzes Volk, dessen Stolz sich auf uralte Traditionen beruft, und deren Kultur geprägt ist von einer metaphysischen Tiefe und alten, immer noch gültigen Werten. Die Maassai sind geprägt von einer womöglich indoeuropäischen Kriegerkultur, und zwar ist diese typischerweise geteilt in drei Klassen / Kasten: Krieger, Bauern und Alte. Weiter will ich gar nicht darauf eingehen, aber dies ist ein Kriterium, um das Alter dieser Kultur darzustellen. Natürlich ist eine Kriegerkultur eine Erobererkultur, und man mag sagen, tja, schade, ham se halt verloren und werden eben assimiliert. Gut, mag sein. Und wir haben das Geld, aber möglicherweise auch einen Speer im Rücken, gegen den in dem Moment nicht mal die Stealth-Bomber von Onkel Samuel was ausrichten können. Die Maassai sind keine „edlen Wilden“. Sie sind einfache Menschen, aber sie sind stolz. Man könnte auch sagen, dass sie ein Ehrempfinden besitzen, das wir nicht haben. Es ist kein Muss, dass der eben beschnittene Junge sich als Mann bewähren soll, aber die gesellschaftliche Konvention bringt ihn dazu, stolz auf seine Leistung zu sein, wenn er mal eben zwanzig Kilometer weit eine Kuh nach Hause getrieben hat. Wer schon mal eine Kuh getrieben hat, oder eine Herde derselben Exemplare wie ich, weiß, dass das nichts für Einsteiger ist, und meiner Ansicht nach hat jeder, der das getan hat, zudem mit 14 Jahren, und dazu noch allein, ein verdammtes Scheißrecht, darauf stolz zu sein. Desweiteren die Sache mit dem Simbas-Löwen. Auch das ist nicht einfach „um des Sportes willen“. Die Löwen stellen eine Gefahr dar für die Dorfgemeinschaft. Also müssen die Krieger notfalls in der Lage sein, sich auch diesen zu stellen. Der Löwe aber ist, da können wir uns glaube ich, alle darauf einigen, ein eher gefährliches Tier, das sogar einem Menschen aus dem Westwirtschaftswunderland gefährlich werden kann, wenn er auch mit Dollars bewaffnet ist, und sich diesem nur mit einem Speer bewaffnet entgegenzustellen, erweckt in mir das Gefühl morbider Bewunderung. Das Einzige, was ich in dieser Hinsicht aufzuweisen habe, ist, einmal in Nacht und Nebel einer Rotte Wildschweine gegenübergestanden zu haben, nein, nicht im Wildpark, und selbst wenn ich mir vorstelle, einem dieser vergleichsweise doch eher possierlichen Tierchen mit einem Speer gegenüberzustehen, wird mir schlecht, und ich kann mir vorstellen, dass man ein Gefühl des Stolzes entwickelt, wenn man dieses Beispiel urwüchsiger Kraft in einem vergleichsweise fairen Kampf besiegt hat. Dieser Stolz ist es, der einen Teil des Ehrgefühls ausmacht, das die Maassai zu einem „stolzen Volk“ macht, und daneben verblasst die Leistung eines Radtouristen, auf einer organisierten Fahrt Afrika, in diesem Fall Tansania zu bereisen, zu schlichtweg nichts. Das Verhältnis ist demnach schief, wenn man diesen Kriegern, die ihre verächtlichen „Made-In-China“-Bikes mit einem Gang und einer Rahmengeometrie, die wir nicht als solche bezeichnen, täglich auf Marathon-Distanzen im schammeligen Gelände einsetzen und auch schon mal eine Ziege auf dem Gepäckträger transportieren, unterstellt, sie hätten dasselbe „Hobby“. Na klar, man muss auch einen Afrika-Artikel durch witzige Bemerkungen auflockern, weil man sonst ja keine Dollars bekommt, die man den armen Maassai zukommen lassen kann, weil die haben ja nix... nun ja. Ich wünschte, man würde dieses Volk und all die anderen Völker, die wir mit unseren Dollars unterjochen, so behandeln, wie es ihre Kultur verdient, nämlich mit Respekt, selbst wenn sie unsere Feinde wären. Aber egal. Eigentlich möchte ich ja auf etwas anderes hinaus, nämlich Olympia. Und Olympia hat etwas damit zu tun, praktischerweise. Das, was die Maassai tun, alltäglich tun sogar, taugt sehr gut für einen sogenannten ethnographischen Vergleich. Denn ursprünglich diente auch der Wettkampf der „Jugend“ dazu, sich zu bewähren. Auch die Griechen waren geprägt von derselben indoeuropäischen Kultur, die auch die Maassai scheinbar geprägt hat, und hier wie dort diente der Wettkampf, der Wettstreit, der Bewährung des jungen Kriegers in der Gesellschaft, im Fall von Olympia jedoch in einem symbolischeren Kontext. So gab es im antiken Olympia einen Wettlauf mit Waffen (Helm und Schild)3, aber ohne Offensivwaffen. Dies erklärt sich aus einer urbaneren Struktur des antiken Griechenlands und eines höheren Abstraktionsgrades der gesellschaftlichen Konvention (was ich nicht als wertend verstanden wissen will). Die Athleten traten ansonsten nackt an. Bei den Griechen gab es in Bezug auf die Körperlichkeit den Begriff des „Kalokagathos“, des Anscheins von Schönheit, der Ausdruck auch einer „gesunden Seele“ war. Man war stolz auf seinen Körper, der gepflegt und trainiert wurde, aber nicht um seiner selbst willen. Nebeneffekt des Ganzen war, dass hässliche Menschen und vor allem Behinderte leider gesellschaftlich verachtet waren, da ihre Hässlichkeit / Behinderung als Strafe des Gottes gesehen wurde. Im Positiven aber hieß das ein Zusammenspiel zwischen körperlicher Betätigung und geistiger, kultureller und metaphysischer Entwicklung. Zwar wurden damals wie heute etwa die Boxer als etwas rammdösig in der Birne betrachtet (es gibt diverse antike Spottgedichte auf die intellektuellen Defizite zeitgenössischer Boxer), aber generell widmete man sich nicht nur der körperlichen Betätigung. Auch die Ehre war davon nicht losgelöst. Zwar ist der Spruch „Dabeisein ist alles“ eine neuzeitliche Erfindung, aber die Spiele selbst wurden zu Ehren des Gottes Zeus und anderer veranstaltet. Der Waffenlauf war auch als Hoplitenlauf bekannt. Pausanias schreibt dazu:„Der Hoplitenwettlauf wurde an der 65. Olympiade anerkannt, als Übung, wie mir scheint, für den Krieg.“ 4 Und auch der Krieg war damals nicht allein eine Möglichkeit für große Wirtschaftsunternehmen, neue Waffen zu testen und alte abzusetzen und neue Märkte zu erschließen, sondern die einzige und existentielle Abgrenzung gegenüber Feinden, die die diplomatischen Grenzen nicht anerkannten, also quasi den Simba-Löwen der Maassai. Darüberhinaus waren die Spiele aber nicht nur Übung für den Krieg, sondern vor allem eine metaphysische Übung, um die Götter gewogen zu halten (denn auch der Krieg, Ares, war eine Gottheit). Waren diese den Menschen nicht geneigt, konnte eine Katastrophe passieren. (Man mag sich fragen, ob unsere heutige Welt des Atheismus nicht vielleicht eine solche ist...) Somit waren also sportliche Leistungen auch nicht bloße Wehrertüchtigung. Der Heros diente keinem System, sondern einem persönlichen Wert.5 Der Teilnehmer an den Spielen war mit gutem Recht stolz auf seine Leistung, die den Göttern, weil sie ihm die Teilnahme ermöglichten und ihm vielleicht sogar den Sieg schenkten und somit eine Bestätigung der Kraft seines Körpers und seines Geistes / seiner „Psyche“, wohlgefällig erschien und somit ein Zeichen, dass sie auch den Menschen, zu denen er sich gehörig fühlte, geneigt waren (Denn „Kalokagathos“ bedeutete auch, je schöner ein Mensch war, desto mehr gefiel er auch den Göttern, da er ja ein Geschöpf derselben war). Sicherlich spielte auch eine Menge Geld dabei mit, aber das stand wiederum in Zusammenhang mit den Göttern und deren Gunst und wurde oft gestiftet. Pausanias beschreibt dabei seitenweise die Weihegeschenke einzelner Olympiasieger, die auch heute noch an Wert kaum zu übertreffen sind. Wichtig war aber dabei vor allem der ideelle Wert (auch die Trennung zwischen ideell und materiell ist in dieser Form eine neuzeitliche Erfindung, siehe: Descartes).Stichwort also Ehr-Geiz. Mangel an Ehre, Mangel an Stolz, Mangel an Idealismus, Mangel an Persönlichkeit. Es mag ein jeder sich selbst ein Bild davon machen, woran es wohl liegen mag, dass die deutsche Funktionärsriege solche Worte in den Mund nimmt.Meiner Ansicht nach ist es ein Mangel an Motivation, der dazu führt, ein Mangel auf einer solch tiefgreifenden Ebene, dass es erforderlich ist, unsere gesamtgesellschaftliche Struktur einmal wenn nicht zu hinterfragen, so doch einmal gänzlich neu zu überdenken. Im momentanen Zustand gibt es meiner Ansicht nach keinerlei Sinn und Wert motivierten Handelns, weil es keinen Sinn und keine Werte mehr gibt. Bildung ist in einer Zeit beständigen Wertewandels nicht mehr möglich. Solange es keinen Sinn darin gibt, sich zu messen, und keine Werte, an denen man sich dabei orientieren kann, wird der Sport eine lustige Bimmelbommelei halbverrückter Nacktaffen bleiben, und solange wird es Zwang und Druck von oben, Militarismus und Doping und verheizte Nachwuchssportler geben.Möglicherweise auch bald wieder eine HJ? Wehrertüchtigung auf Krankenschein? Unsere Kinder sind zu fett. Der Körper als Abbild der Seele? Den Göttern wohlgefällig? WELCHEN Göttern? Mammon wurde oft als ein fetter Greis dargestellt... Moloch auch... Greisenhaft unbewegliche, fette Kinder in den Straßen? Nur ein paar Gedanken eines seltsamen Kauzes zum Abschluss... Aber Alternativen mögen sich immer noch finden lassen. Denkt mal darüber nach.
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